Meinungsbildung im Web

Magisterarbeit im Fach Soziologie „Meinungsbildung im Web“
Betreut von PD. Dr. Stefan Kaufmann und Dr. Nadja Parpart
Institut für Soziologie, Universität Freiburg

Abstract

Das Internet beginnt sein Versprechen aus den Anfangsjahren für eine breite Masse einzulösen: Der Nutzer ist nicht mehr allein Empfänger, Betrachter, Konsument von medialen Botschaften – im Web 2.0 hat er auch die Möglichkeit zu senden, mit zu machen und zu produzieren. Privatpersonen veröffentlichen in zahllosen Blogs, Wikis, Sozialen-Netzwerkseiten, Video- und Fotoportalen Meinungen, Erlebnisse, Berichte und Intimstes zu den unterschiedlichsten Themen. Das Web reagiert auf die explodierende Menge an verfügbaren Informationen mit den komplexitätsreduzierenden Mediatoren Technik (Such- und Rankingalgorithmen) und Nutzer (Bewertungen und Empfehlungen). In diesem Sinne untersuche ich die Meinungsbildung im Web unter dem Gesichtspunkt der Themensetzung und nicht aus der Perspektive des Rezipienten (–> Medienwirkung). Meine grundlegenden Fragen lauten zum einen wie erfolgt die Themensetzung im Web? Und daran anknüpfend, was bedeutet dies für die Qualität der Web-Öffentlichkeit? LUHMANNS funktionale und HABERMAS normative Theorie der Öffentlichkeit verwende ich dabei als Werkzeug, um die Qualität der Web-Öffentlichkeit fassen und analysieren zu können.

Thesen

Ausgehend von der Annahme, dass vorrangig die Mediatoren Technik und Nutzer die Web-Öffentlichkeit strukturieren, formuliere ich in Anlehnung an LUHMANN und HABERMAS zwei Thesen bezgl. der Qualität der Web-Öffentlichkeit:

(1) Funktional: Fragmentierung der Web-Öffentlichkeit in eine unüberschaubare Anzahl von Teil-Öffentlichkeiten und damit zur Bedeutungslosigkeit

  • Atomisierung von Themen und Meinungen
  • Privates, Triviales, Kommerzielles überflutet die Web-Öffentlichkei
  • Anschlusskommunikation wird unmöglich
  • Web-Öffentlichkeit als gesellschaftliches Reflexionsmedium unbrauchbar

oder: Tendenz zur Konzentration auf wenige Themen und Anwendungen

  • Wisdom of the Crowds schafft Orientierung und gültigen Sinn

(2) Normativ: Strukturwandel 2.0 im Sinne eines herrschaftsfreien, nicht vermachteten Diskurses

  • freie Publizität
  • Demokratisierung der Themensetzung
  • Pluralismus, Meinungsvielfalt
  • Ideal der kritischen, bürgerlichen Öffentlichkeit

oder:

  • technische und kollektive Vermachtung der Web-Öffentlichkeit, d.h. Diktat der Technik und Mehrheit über die Themensetzung.
  • Kommerzialisierung der Themensetzung (bspw. Virales Marketing)
  • staatliche Zensur

Magisterarbeit zum Download

Meinungsbildung im Web (.pdf)

7 Antworten to “Meinungsbildung im Web”


  1. Das gefällt mir sehr gut. Und passt ja auch wirklich gut zu meiner Magisterarbeit. Die Thesen gefallen mir in ihrer Ausrichtung an den Polen gut, aber das Spannende wird natürlich sein, gerade den Übergang dazwischen und seine Dynamik zu beschreiben. Und: Den ersten Perspektive von These (1) würde ich selbst nicht so negativ beschreiben. Aus einer funktionalen Perspektive, die ich auf gesamtgesellschaftliche Kommunikation bezieht, ist Fragmentierung natürlich ein Problem – aber die beschriebenen Kommunikationsräume (private Blogs etc.) verstehen sich ja meist gar nicht als Äquivalente (schon gar nicht als funktionale Ä.) zu Massenmedien (siehe z.B. Jan Schmidts Kommentar zu Weblogs und Qualtität).

    Wie werden Deine Fallstudien aussehen? Beschreibst Du die Mechanismen der Sites , machst eine Typologie oder nimmst Dir ein Thema und beobachtest es (wäre dann ja sehr nah an meiner Arbeit.

    Viel Spaß und Erfolg jedenfalls!

  2. domfry Says:

    Erstmal vielen Dank für die Kritik!

    Die Thesen habe ich bewusst zunächst kantig, provozierend formuliert und werde sie in der Abschlussdiskussion relativieren.
    Zur (1) These: hier geht es mir nicht um die gesamtgesellschaftliche Kommunikation resp. Öffentlichkeit. Stattdessen versuche ich abzuschätzen in wie weit Web 2.0 Transparenz und Orientierung schaffen kann oder ob die Vielzahl der Meinungen und Deutungsangebote letztlich den Nutzer überfordern – was wieder Chancen für die etablierten Massenmedien und Marken eröffnet.

    Mit den Fallstudien will ich die Funktionsweise der Mediatoren (Technik und Nutzer) aufzeigen: Kurze Erklärung der Site-Mechanismen und Veranschaulichen an Hand eines Themas, dass ich auf allen Seiten durchspiele.

    Ja, .. wir ligen nicht weit auseinander: Du mit Blick auf die Blogs und ich aus der soziologischen Vogelperspektive ;)

    Beste Grüße und natürlich auch viel Erfolg!


  3. Zur (1) These: hier geht es mir nicht um die gesamtgesellschaftliche Kommunikation resp. Öffentlichkeit. Stattdessen versuche ich abzuschätzen in wie weit Web 2.0 Transparenz und Orientierung schaffen kann oder ob die Vielzahl der Meinungen und Deutungsangebote letztlich den Nutzer überfordern.

    Gut. Was ich sagen will, ist, dass m.E. Weblog-Öffentlichkeit oft gerade deshalb gut „funktionieren“, weil sie so klein sind. Aus einer klassischen öffentlichkeitstheoretischen Perspektive (und auch: Deine „Throughput“-Perspektive von Orientierung und Transparenz für die Nutzer) würde man diesen kleinen, verstreuten Öffentlichkeiten Dysfunktionalität, Irrelevanz (Privates, Triviales) und mangelnde Qualität vorwerfen. Aber für die Autorin und ihre fünf Leser kann ja gerade deshalb die Anschlusskommunikation so gut funktionieren, weil sie so „irrelevant“ schreibt. Und: spannend ist dann natürlich die Rolle von Technik als Vermittler (technorati, del.icio.us, google), die diese privaten Kommunikationen dann in eine Öffentlichkeit werfen können, wenn es einen Anschlusspunkt gibt.

    Klar, dass damit „große Medien“ nicht überflüssig werden – einen Teil ihrer Aufgaben übernehmen aber, wie Du schreibst, Technik und Nutzer.

  4. domfry Says:

    Das ist ein guter Punkt: in wie weit sich Luhmanns und Habermas Öffentlichkeits-Theorien auf das Web anwenden lassen? Habermas hat sich nur am Rande und Luhmann hat sich meines Wissens nie zum Internet geäußert. Als grundlegendes Werkzeug um die Web-Öffentlichkeit in einem soziologischen Verständnis fassen zu können, sind sie denke ich trotzdem sehr gewinnbringend. Spannend dürften die Phänomene sein, wie Du anmerkst, die nicht mehr in diese klassischen Kategorien passen und nach Erweiterung bzw. Überdenkung der klassischen Öffentlichkeitskonzepte rufen, bspw. Becker, Neuberger oder Schmidt.

  5. najib Says:

    tolle arbeit find ich gut !!!


  6. […] Zum Thema “Gatekeeper” und Google bzw. Web 2.0 im Allgemeinen gibt es hier eine interessante Magisterarbeit aus soziologischer Perspektive von Dominik Frey. […]


  7. […] (2006): Bullshit, S. 50-51 [6] Dominik Frey (2007): Meinungsbildung im Web, verfügbar unter: https://domfry.wordpress.com/ma/ [7] Meyer, Thomas (2005): Populismus. Anmerkungen zu einem bedrohlichen Modernisierungsrisiko in […]


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: